Schaubild 1 zur Typologie: Komplexität

Abb. 1 Komplexität (A. Düring)

Schaubild 2 zur Typologie: Die Übernahme neuer Formen

Abb. 2 Die Übernahme neuer Formen (A. Düring)

Grundsätzliche Überlegungen zur Keramiktypologie

Dieser kurze Text soll der Datenbank der Tübinger Lehrsammlung beigestellt sein, um dem Benutzer die Möglichkeit zu geben, Grenzen, Schwierigkeiten und Chancen der Auseinandersetzung mit Keramik aus archäologischer Sicht zu reflektieren. In diesem Rahmen wird jedoch darauf verzichtet, die Kontroversen über "Typologie" in der Forschungsgeschichte der Archäologie mit dem Anspruch von Vollständigkeit darzustellen. Vielmehr ist es das Ziel, auf allgemeiner Ebene mehrere Aspekte vorzustellen, die dem Benutzer helfen sollen, den Forschungsstand zu hinterfragen.

Zum Begriff

"Typologie" bezeichnet in der Archäologie die für unsere Wissenschaft zentralen Schritte des Klassifizierens und Ordnens von Objekten, die im weitesten Sinne ähnliche Merkmale aufweisen. Oscar Montelius gilt als Begründer der "typologischen Methode", was jedoch bei genauerer Betrachtung nicht ganz korrekt ist. In seinem Werk "Die Methode" von 1903 systematisiert er lediglich bereits entwickelte Konzepte und führt sie zusammen. Grundlegend neu ist in diesem Zusammenhang allerdings seine Definition des später so genannten "geschlossenen Fundes" als () die Summe von () Gegenständen (), welche unter solchen Verhältnissen aufgefunden worden sind, dass sie als ganz gleichzeitig niedergelegt betrachtet werden müssen (Eggers 2004, 88-91). Da die "typologische Methode" von dezidiert evolutionistischen Prämissen ausging, die eine wertende Entwicklung vom Einfachen und Primitiven zum Komplexeren und Fortschrittlichen enthält, wurde vorgeschlagen, den ausgesprochen doppeldeutigen Begriff "Typologie" durch die neutrale Bezeichnung "Typographie" zu ersetzen, wenn man das evolutionistische Weltbild ablehnt. Allerdings scheinen solche nomenklatorisch-forschungsgeschichtlichen Feinheiten keine Durchsetzungskraft gegen den geläufigeren Begriff zu haben. Vielmehr ist davon auszugehen, dass im heutigen Gebrauch des Wortes "Typologie" keine Reste des Evolutionismus mehr vorhanden sind (Eggert 2005, 122-142).

Typologie ohne Evolutionismus

Wenn man sich die Entwicklung von Objekten im Laufe der Zeit als geradlinigen, sukzessiven und gerichteten Prozess vorstellt, so verkennt man die Realität. Unter diesen Voraussetzungen gelingen Erklärungen oft relativ einfach und zumeist scheinen sie auch auf den ersten Blick recht logisch zu sein. Emanzipiert man sich aber von dieser Prämisse und vergleicht beispielsweise heutige modische Änderungen mit dem archäologischen Material, so stellt man fest, dass Sprünge, Brüche und Rückschritte ebenso möglich sind. Gerichtete Prozesse sind nicht von vornherein falsch, sondern stellen lediglich eine Möglichkeit dar. "Die Typologische Methode von Montelius ist somit auf ein heuristisches Prinzip reduziert worden. Wie immer bei heuristischen Prinzipien bewegen wir uns hier im Kontext der Entdeckung von Problemlösungen. Der Wert derartiger Hypothesen erweist sich jedoch erst im Kontext der Bestätigung" (Eggert 2005, 200).

Vom Klassifizieren und Ordnen

Bei ausreichend vorhandenen Vorarbeiten, können wir unser Material einfach in bereits erarbeitete Klassifikationssysteme einhängen. Machen wir uns aber von allen Vorkenntnissen los und betrachten eine Ansammlung archäologischen Materials, beispielsweise die Gesamtheit aller Keramikfragmente, die bei einer Ausgrabung zu Tage gefördert wurden, so befinden wir uns in einer möglichen Ausgangssituation für die Beschäftigung mit jenem Fundkomplex. Wenn bisher keine Arbeit auf diesem Gebiet geleistet wurde, ist es erforderlich, selbst ein passendes Klassifikationssystem zu entwickeln. Wir sind dann darauf angewiesen, die einzelnen Objekte nach äußeren Merkmalen wie Größe, Farbe und/ oder Form zu ordnen, da beispielsweise funktionelle Merkmale (Trinkgefäße, Vorratsgefäße, Kochgeschirr) ohne Vorkenntnisse nicht bestimmbar sind. Welche Merkmale in unseren Augen als diagnostisch gelten, bleibt Ermessenssache. Objekte, die mehrere ähnliche diagnostische Merkmale aufweisen, werden zu Gruppen zusammengefasst, wobei die Gruppen monothetische, konstante Kombinationen von Merkmalen besitzen oder polythetisch zusammengefasst werden. Bei letzterer Variante liegt kein fester Merkmalskatalog vor, sondern mehrere Merkmale werden im Verbund betrachtet, sodass keines der Merkmale notwendig aber auch keines ausrechend ist. Merkmalsgruppen unterschiedlicher Stufen bilden dann unsere Typen, Formengruppen oder Warenarten (Eggert 2005, 128-136).

Ziele der Typologie

Oft wird betont, dass das Klassifizieren und Ordnen von archäologischem Fundgut nicht zum Selbstzweck betrieben werden sollte. Vielmehr handelt es sich um die notwendige Vorarbeit, welche die Grundlage für weitergehende Interpretationen schafft. Darunter fallen die chronologische Gliederung, die räumliche Verteilung hinsichtlich Provenienz und Fundstreuung, sowie darauf aufbauend die Beschäftigung mit sozialgeschichtlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen, mit der Rekonstruktion technischer und handwerklicher Fertigkeiten und schließlich mit der höchst diffizilen ethnischen Zuweisung. Zuletzt sei auf die Versuche hingewiesen, unter Zuhilfenahme archäologischen Fundmaterials bis in den kognitiven Bereich prähistorischer Kulturen vorstoßen zu wollen.

Eine unüberwindliche Hürde?

All diese Ziele der Typologie sind nur dann zu verwirklichen, wenn die Frage geklärt werden kann, inwieweit unsere morphologisch-deskriptiven Typen mit chronologischen oder soziokulturellen Entitäten identisch sind. Dazu sind Prüfungsverfahren notwendig, die den Grad der Übereinstimmung aufzeigen. Für die chronologische und räumliche Einordnung von Fundgut haben sich mehrere unterschiedliche Verfahren herausgebildet, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen. Aber zuvor muss bedacht werden, dass keines der formulierten Ziele überzeugend verwirklicht werden kann, wenn das Material nur aus sich selbst heraus und ohne zusätzliche Informationen gedeutet wird. Der Vergleich mit anderen Quellen ist in jedem Falle zwingend notwendig: Fundort, Fundkontext, Stratigraphien usw. (Eggert 2005, 141).

Grundlegende Methoden der chronologischen und räumlichen Differenzierung

Probleme und Grenzen

Die Qualität des Forschungsstandes ist von der Zahl der Untersuchungen und deren methodischer Qualität abhängig. Ob die bisher bearbeiteten Fundplätze mittelalterlicher Keramik ein zeitlich wie räumlich verallgemeinerbares Gerüst darstellen oder nur Einzelsituationen widerspiegeln, bleibt abzuwarten. Auf Grund ihrer Haltbarkeit und der Häufigkeit ihrer Auffindung im archäologischen Kontext stellt Keramik eine der bedeutendsten Fundgattungen dar. Deshalb ist es auch verständlich, dass Archäologen immer genauere Einteilungen von Keramiktypologien erarbeiten. Allerdings sei bei sehr feinen Gliederungen zu erhöhter Vorsicht gemahnt, da Keramik wegen ihrer hohen Haltbarkeit durchaus lange in Gebrauch gewesen sein kann. Leider fehlt oft eine nähere Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit die erarbeiteten Merkmalsverteilungen wirklich einer damaligen Entität entsprechen. Da dies so ist, sollte bei weiterführenden Interpretationen klar zwischen belegten "historischen Typen" und reinen Merkmalsclustern unterschieden werden. Mit der Überprüfung, ob diese methodische Notwendigkeit erfüllt wurde, lässt sich ein Eindruck von der Güte diesbezüglicher Argumentationsgänge gewinnen.

Durch die beiden Beispiele, die mit Grafiken aufzeigen, welche Ereignisse zum heutigen archäologischen Fundensemble führen können, soll zu weiterführenden Reflexionen angeregt werden:

In Schaubild 1 wurden mehrere Eigenschaften zusammengestellt, die einzelne Formen oder Formgruppen aufweisen können. Thomas Dexel unterteilte Gefäßtypen in Dauerformen, Stilformen und Fremdformen. Eine Gefäßform, welche meist funktionsbedingt über lange Zeiträume kaum oder nur wenig Veränderung erfährt, nennt er Dauerform. Diese könnten in primäre Dauerformen ohne veränderliche zeitgebundene Merkmale, wie modische Veränderungen, und in sekundäre Dauerformen eingeteilt werden, welche solche Merkmale aufweisen. Dauerformen seien ausschließlich Gebrauchsgerät. Stilformen dagegen gehörten in den Bereich der Repräsentation; mit dem wesentlichen Kennzeichen, dass sie nur eine vergleichsweise kurze Zeit in Gebrauch seien. Während Dauerformen meist landschaftsgebunden angetroffen würden, könnten Stilformen auch über Ländergrenzen hinausgreifen. Der letzte Typ, die Fremdformen, stellten sich als Vorläufer der beiden vorherigen Kategorien dar. Von anderswo kommend, würden sie in den Formenbestand eines Landes aufgenommen und entwickelten sich entweder zu Dauerformen oder zu Stilformen (Dexel 1986, 25-26). Das Problem dieser Unterteilung ist, dass man kaum eine Form ausschließlich einer dieser Kategorien zuordnen kann. Abhängig von Zeitpunkt, Zeitraum, Ort, individueller Verwendung und Entstehungsgeschichte sind oft nur unterschiedliche Überschneidungsgrade jener Untergliederung anzugeben. Nichts desto trotz vermitteln solche Überlegungen ein tieferes Verständnis der Schwierigkeiten, die bei "Typologien" auftreten. Jede derartige Unterteilung ist abhängig von den Kriterien, die wir heute festlegen. Je neutraler unsere Unterteilungskriterien sind, desto weniger führen wir uns durch vorausgegriffene Interpretationen in die Irre. Materialeigenschaften, Maße und sichtbare Merkmale sind folglich bessere Kriterien für die erste Annäherung, als beispielsweise Nationalitätsgrenzen, Zeitabschnitte oder Herkunft.

Die Übernahme neuer Formen ist meist in einer Wechselwirkung von oben nach unten in Bezug auf Bevölkerungsschichten zeitlich gestaffelt (Dexel 1986, 22-26). Mögliche Wege sind in Schaubild 2 dargestellt: Gerade Fremdformen oder auch ganz neu entwickelte Formen werden zuerst von den reichsten und sozial höchsten Bevölkerungsschichten übernommen. Mit der Zeit werden diese nach unten weitergegeben und erreichen wegen zu hohen Kosten oder Unzweckmäßigkeit oft die große Bevölkerungsmasse überhaupt nicht. Außerdem nimmt die Anzahl von Prunkobjekten natürlich von reich nach arm ab. Obwohl das, was einst Prunkgegenstand war, zu einem späteren Zeitpunkt zum allgemeinen Gebrauchsgerät gehören kann. Das Kommen und Gehen neuer Formen ist bei Reichtum schneller als bei Armut. Dies gilt sowohl innerhalb einer Gesellschaft, als auch im Gesamtvergleich unterschiedlicher Gesellschaften.

Andreas Düring

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