Formdefinition über Proportionen

Abb. 1 Formdefinition über Gefäßproportionen (Schreg 1998, 33)

Diagramm: Verhältnis Durchmesser/Höhe

Abb. 2 Diagramm: Formdefinition über das Verhältnis Durchmesser/Höhe (Bauer u. a. 1986, 25)

Formenspektrum mittelalterlicher Keramik

Abb. 3 Formenspektrum mittelalterlicher Keramik (Gross 1991, Abb. 3)

Formale Entsprechungen zwischen Gefäß- und Ofenkeramik

Abb. 4 Zu den formalen Entsprechungen zwischen Gefäß- und Ofenkeramik. 4.1-3 nach Lobbedey 1968, Taf. 57.12 und 13.6. 4.4 nach Hallenkamp-Lumpe 2007, Farbtafel 1. - Vgl. Anmerkungen

Form und Funktion

Um ihren Quellen, den Sachfunden und Befunden, eine Aussage abzugewinnen, muss die Archäologie diese Quellen ordnen und klassifizieren (siehe dazu "Typologie" und "Chronologie"). Eine der wichtigsten archäologischen Fundgattungen stellen keramische Artefakte dar. Sie bilden an den meisten Fundstellen die größte Fundgruppe und unterliegen einem relativ schnellen Formenwandel, so dass sie sich gut klassifizieren lassen. Obwohl es natürlich je nach Fragestellung verschiedene Ansätze zur Klassifikation von Keramik geben kann, wird diese doch fast immer anhand der Funktion vorgenommen. Dabei werden die Funde in immer speziellere Gruppen eingeteilt. Das beginnt ganz grundlegend mit der Unterteilung in Kategorien wie Baukeramik, Geschirrkeramik oder Ofenkeramik (= Ofenkacheln). Die Geschirrkeramik kann z.B. weiter in Kochgefäße, Vorratsgefäße, Ess-/ Trinkgeschirr unterteilt werden. Auf einer unteren Ebene finden sich einzelne Formen: Becher, Topf, Kanne usw. Solche Einteilungen können dann anhand einzelner Merkmale oder weiterer funktioneller Differenzierung beliebig verfeinert werden. In vorliegender Datenbank ist die Einteilung im Vergleich zur wissenschaftlichen Literatur relativ grob gehalten. Die Fragmente sind einer von 22 Formen, die im Glossar beschrieben sind, zugeordnet. Mit der Zuordnung eines Fragmentes zu einer Form sind allerdings Probleme verbunden, weil Keramik im archäologischen Fundmaterial oft so zerscherbt ist, dass sich Aussagen über die Form des Objektes dessen Teil die Scherbe einmal war nicht oder nur schwer treffen lassen. Abgesehen davon ergeben sich weitere Probleme aus der Verknüpfung von Form und Funktion.

Probleme der Formbeschreibung

Die Namen, die wir archäologischen Artefakten geben, sind von unserer Lebenswelt geprägt. So wird durch die Zuweisung eines Stückes zu einer Form eine Interpretation intendiert, indem wir funktionelle Vorstellungen mit dem Form-Namen verbinden. Die tatsächliche Funktion kann aber eine ganz andere gewesen sein.

Außerdem ist die Benennung einer bestimmten Form im alltäglichen Sprachgebrauch subjektiv und evtl. austauschbar (z.B. Tasse/ Becher; Kanne/ Krug), es gibt auch regional unterschiedliche Verwendungen (z.B. Topf/ Hafen). So gibt es auch in der archäologischen Literatur keine einheitlichen Definitionen. Verschiedene Autoren definieren gleich lautende Formen anhand verschiedener Kriterien oder verwenden für gleiche Stücke andere Bezeichnungen. Eine Zuordnung beruht oft mehr auf dem subjektiven Formgefühl des Bearbeiters als auf greifbaren Kriterien. Einheitlichkeit besteht höchstens auf Ebene einzelner Keramikprovenienzen. So unterscheidet z.B. Gross Kannen von Krügen durch die Anzahl der vorhandenen Öffnungen (Gross 1991, 22. ): Je eine zum Füllen und Entleeren bei Kannen, nur eine einzige bei Krügen. Schreg (Schreg 1998), Bauer (Bauer ) u. a. hingegen unterteilen danach, ob ein Ausguss vorhanden ist (=Kanne) oder nicht (= Krug)(Schreg 1998 31; Bauer u. a. 1986, 25).
Stücke wie die hier gezeigte, von Lobbedey als "Schüsselkachel" angesprochene Ofenkachel (Abb. 4.1), werden von Hallenkamp-Lumpe als Napfkachel bezeichnet (Lobbedey 1968, 196; Hallenkamp-Lumpe 2007,Farbtaf.I) Deshalb gibt es Versuche, eine einheitliche und objektive Möglichkeit der Zuordnung eines Stückes zu einer bestimmten Form zu finden.

  1. Abstellen auf Proportionsverhältnis Höhe - Durchmesser (Bsp. Bauer u. a. 1986, Schreg 1998; vgl. Abb. 1; Abb. 2)
    • Zuweisung bestimmter Proportionsverhältnisse zu Formen
    • die Funktion des Stückes spielt dann keine Rolle mehr
    • Probleme
      • "Willkürliche" Festlegung von Grenzen zwischen einzelnen Formen (z.B. Schüssel - Topf; Topf - Becher), bzw. in Grenzbereichen große Überschneidungen
      • Proportionsverhältnis sagt nichts über Größe des Gefäßes aus (Eierbecher = Topf?)
  2. Abstellen auf bestimmte formale Merkmale (Bsp. Gross 1991)
    • z.B. Grundform (Topf) - Topf mit Henkel (Henkeltopf, Abb. 3. 1) -Topf mit Henkel und Ausgußtülle (Kanne, Abb. 3. 2,3) - Henkel, keine Tülle, aber Ausgußvorrichtung (Krug, Abb. 3. 7) usw.
    • Probleme
      • Mischformen
      • auch hier keine Aussage zur Größe des Gefäßes

Daneben gibt es natürlich je nach Fragestellung noch andere Ansätze, z.B. Ordnung nach Volumen oder Warenart.

Tatsächlich werden die oben vorgestellten Methoden nicht streng angewendet sondern zur Zuordnung eines Stückes zu einer Form immer auch noch andere Merkmale hinzugezogen, vor allem Volumen, Material, Verzierung und - oft aus diesen Merkmalen abgeleitet - doch die Verwendung.

So ist z.B. der "Humpen" nach Bauer eine übergroße Form des Bechers, entspricht aber auch seiner Definition des Topfes, wie auch Becher und Töpfe oft nur durch das Volumen voneinander abgegrenzt werden (Bauer u. a. 1986, 34). Ein weiteres Beispiel ist die Ofenkeramik. Formal entsprechen die frühen Kacheln der Gefäßkeramik (Abb.4; vgl. Anmerkungen). Eine Abgrenzung erfolgt hier aufgrund von Gebrauchsspuren (die aber nicht immer vorhanden sind), Warenart, Verzierung/ keine Verzierung, dem Fundkontext usw. Auch kann zwar eine objektive Beschreibung der Stücke vorliegen, trotzdem lösen Begriffe wie Topf, Krug, Becher usw. beim Leser Assoziationen aus.

Aus diesen Gründen müssen bei Beschäftigung mit Keramik die für die Benennung der Formen verwendeten Begriffe vorab erläutert werden.

Durch Einführung von Unterformen kann man die Einteilung beliebig verfeinern und eine Unzahl von Formen definieren, dies ist (hier) nicht sinnvoll. Wir haben uns auf 22 Formen geeinigt, die alle in der Übungssammlung enthaltenen Stücke umfassen. Beschreibungen der 22 verwendeten Formen finden sich im Glossar. Zu den verwendeten Begriffen vgl. Abb. 1.

Anmerkungen

Zu Abb. 4:

4.1 und 4.2 lassen sich durch die Proportionen oder Formung nicht unterscheiden. Die Unterscheidung erfolgt hier anhand des Henkels und eines bei 1 vorhanden Innenwulstes. Anhand dieser Merkmale wird eine funktionale Bestimmung vorgenommen. Bei zerscherbtem Material lassen sich solche Merkmale oft nicht feststellen.

Nach den beschriebenen Methoden allein besteht kein Unterschied zwischen dem Topf 4.3 und den Topfkacheln 4.4. Eine Unterscheidung könnte hier z.B. anhand von Gebrauchsspuren oder der Zeitstellung erfolgen..

* Die mit Sternchen gekennzeichneten Formbezeichnungen tauchen in unserer Datenbank (noch) nicht auf.